
Yoga im Wandel: Was die Geschichte des Yoga für unsere heutige Praxis bedeutet
Am vergangenen Wochenende hat sich der Yoga Book Club zum ersten Mal im Yogaraum getroffen. In einer gemütlichen Runde war es so wundervoll, sich gegenseitig über Yoga auszutauschen und gemeinsam in ein Thema einzutauchen, das uns alle verbindet.
Was ist Yoga?
Die letzten zwei Monate haben wir uns mit dem Buch „The Truth of Yoga“ von Daniel Simpson beschäftigt. Es bietet einen gut verständlichen Überblick über die Geschichte des Yoga sowie über verschiedene yogische Schriften und Praktiken.
Mich persönlich begleitet die Frage „Was ist Yoga?“ eigentlich schon so lange, wie ich mich mit Yoga auseinandersetze. In mir ist zwar ein klares Gefühl dafür was es für mich bedeutet, aber es ist so schwierig es begreiflich in Worte zu fassen. Etwas, das im meinem Kopf immer wieder eine Dissonanz auslöst ist, dass das Yoga, wie es heute praktiziert wird mit all den spektakulären Körperübungen sich scheinbar so sehr vom „ursprünglichen Yoga“ unterscheidet.
Auf der Suche nach Antworten, erschien es mir daher einleuchtend mich erstmal mit der Geschichte des Yoga auseinanderzusetzen. Und wenn eines dabei deutlich geworden ist, dann dass es dieses eine „traditionelle Yoga“ nicht gibt, denn es gibt unendlich viele Antworten auf die Frage „Was ist Yoga?“.
Ein wilder Ritt durch die Geschichte des Yoga
Wurzeln des Yoga
Wenn wir uns auf die Suche nach den Wurzeln des Yoga machen, landen wir schnell bei einer Zahl: 5000 Jahre alt sollen sie sein. Doch genau mit diesem Mythos räumt Daniel Simpson gleich zu Beginn auf. Eine Abbildung aus der Indus-Valley-Zivilisation zeigt zwar eine Person in einem yogischen Sitz, doch allein diese Darstellung ist noch kein Beweis für die Anfänge des Yoga.
Die ersten gesicherten Hinweise auf eine yogische Tradition finden sich erst in der Rig Veda, einer etwa 3500 Jahre alten Sammlung von Hymnen und philosophischen Gedanken. In den frühen Anfängen wird Yoga als asketische Praxis außerhalb der Gesellschaft gelebt. Durch Enthaltsamkeit sollte der Körper überwunden und der Fokus nach innen gerichtet werden.
Mahabharata
Mit der Zeit verändert sich diese Sichtweise. In Texten wie der Mahabharata tauchen erstmals konkretere Praktiken auf: Atemlenkung, Schulung der Sinne und die Idee, Yoga nicht außerhalb, sondern mitten im Leben zu praktizieren.
Auch die Bhagavad Gita ist ein Teil dieser Sammlung. Es handelt sich dabei um eine Erzählung einer Konversation zwischen Arunja und Krishna vor einer großen Schlacht. In diesem Austausch spiegelt sich die innere Suche nach Wahrheit wider. Yoga wird hier allmählich lebensnäher und praktischer.
Yoga Sutras
Viele haben sicher auch schon von den Yoga Sutras des Patajali gehört. Die kurzen Verse greifen auf die zuvorgegangenen Philosophien zurück und ergänzen diese mit praktischen Techniken, die im Alltag gelebt werden können. Yoga wird hier als einen Weg, Leid zu verstehen und ihm zu begegnen, beschrieben. Ursache allen Leids ist demnach die Verwechslung dessen, was wir wirklich sind, mit dem, was wir wahrnehmen. Ziel ist kein Zustand der Einheit, sondern eine klare Unterscheidung zwischen Geist und Materie.
Hatha Yoga
Erst mit dem Hatha Yoga rückt der Körper stärker in den Fokus. Anstatt ihn überwinden zu wollen, wie in der asketischen Herangehensweise, wird er als Werkzeug der Praxis angesehen. In diesem Sinne ist Hatha Yoga kein Yoga Stil, wie Vinyasa oder Yin Yoga, sondern ein Überbegriff für alle körperorientierten Yogaformen. Die Asanas (Körperübungen) dienen ursprünglich vor allem der Vorbereitung auf langes, meditatives Sitzen. Mit der Hatha Yoga Pradipika (ca. 14 Jh.) wurden diese Körperübungen erstmals systematisiert und die positiven körperlichen und gesundheitlichen Effekte auf dem Weg zu Samadhi hervorgehoben. Yoga wird dadurch weiter zugänglicher.
Yoga in der Moderne
In der Moderne wird Yoga schließlich stark von äußeren Einflüssen geprägt: zunehmende Globalisierung und die Kolonialgeschichte, westliche Gymnastik, Kampfkünste und Körperkultur fließen mit ein. Lehrer wie T. Krishnamacharya, B. K. S. Iyengar, Pattabhi Jois, T. K. V. Desikachar und Swami Sivananda prägen das Yoga, wie wir es heute kennen.
Therapeutische und gesundheitliche Aspekte rücken in den Vordergrund, spirituelle Ziele treten teilweise in den Hintergrund. Die Vielfalt an Yogastilen entsteht und mit ihr das Yoga, das wir heute praktizieren.
Yoga darf sein, was sich für dich authentisch anfühlt
Das Buch von Daniel Simpson hat mir hier eine große Erleichterung verschafft. Yoga war schon immer vielfältig und diese Vielfalt hat ihre Berechtigung. Es gilt nicht darum zu fragen, was richtig oder falsch ist, sondern darum, Yoga in seinem wandelbaren Kontext zu betrachtet und zu fragen: Was funktioniert für mich?
Auch, wenn die traditionellen Wurzeln vielleicht nicht mehr so stark sind, darf Yoga also Yoga sein, weil es sich authentisch für mich anfühlt. Es gibt beispielsweise keine Asana, die besonders yogisch ist, denn es kommt weniger darauf an, was wir machen, als darauf wie wir etwas machen.
Wie die kurze Reise durch die Geschichte des Yoga zeigt, widersprechen sich manche Ansätze und die Ziele sind nicht für alle gleich. Doch Yoga bietet Werkzeuge, die uns in ganz unterschiedlichen Lebenslagen unterstützen können. Ich mache Yoga, weil es mir Kraft gibt. Ruhe. Selbstvertrauen. Weil es mich immer wieder an meine Selbstwirksamkeit erinnert. Yoga hilft mir mehr verbunden mit mir selbst zu sein. Dadurch wird die Welt für mich erträglicher und ich erträglicher für die Welt. Es ist keine Flucht aus dem Leben, sondern eine Praxis, die dem Leben dient.
Im Großen klingt das oft abstrakt. Doch im Kleinen können wir mit Yoga von Tag zu Tag etwas freier leben. Und das ist, was zählt! Wir dürfen den Mut haben Yoga jeden Tag aufs neue auf eine für uns authentische Weise zu definieren und zu Leben.
So werde ich immer weiter darin eintauchen, was Yoga für mich in meinem Leben bedeutet und neue Definitionen ergründen. Im Yoga Book Club nähern wir uns dem weiter an mit unserem nächsten Buch: „Neuro Yoga – Wie die alte Weisheitspraxis auf unser Gehirn wirkt“ von Anna Trökes und Bettina Knothe. Wenn dich jetzt also auch die Neugier gepackt hat, bist du herzlich willkommen an unserem nächsten Treffen am 14. Februar im Yoga Raum teilzunehmen. Alle aktuellen Infos zum Yoga Book Club findest du in unserem Whatsapp-Kanal. Mehr Gedanken über Yoga teile ich auf Instagram oder in meinen Yogastunden.


Richtig guter Text. Schön zu wissen, dass Yoga vieles sein kann und darf und, dass er schon immer im Wandel begriffen war. Es wäre mal interessant herauszuarbeiten ob es innerhalb der Wandlungen und Strömungen einen unveränderlichen Teil oder eine Art allgemeingültiger und zeitloser Definition von yoga gibt…