
„Wenn uns etwas verletzt oder verunsichert, an unseren Glaubenssätzen rüttelt und unsere automatischen Reaktionen ohne Bewusstsein anspringen lässt, beginnen wir innerlich zu erklären und deuten oft schneller, als wir fühlen können, was wirklich los ist.“
Es gibt Wochen, in denen ich mich auf das Kissen setze und sofort spüre, wie ich innerlich ein Stück tiefer sinke. Und dann gibt es diese anderen Wochen, die ein wenig rau beginnen. Die, in denen ich mich hinsetze, und noch bevor ich richtig in meinem Atem ankomme, merke ich, dass etwas in mir arbeitet, das ich nicht greifen kann. Die letzten Tage waren genau so. Das Atemzählen war ruhiger als sonst, fast stabil, und gleichzeitig schob sich etwas von innen nach oben, ein Gefühl ohne klare Form, ein leises inneres Ziehen, das noch keinen Namen hatte.
Lange Zeit dachte ich, dass Ärger meine größte Baustelle ist. Eines dieser Kleshas*, innere Muster, die uns manchmal im Weg stehen. Ärger erkenne ich sofort. Er kommt mit Wärme, sogar Hitze und schnellem Tempo, mit einer sehr direkten Energie. Aber in dieser Woche hat sich etwas anderes gezeigt, etwas viel Leiseres, das sich nicht mit Kraft ankündigt, sondern sich in meine Gedanken einschleicht, bevor ich es bemerke. Dieses subtile Vergleichen. Dieses leichte innere Aufrichten. Diese kleine Stimme, die sagt: „Ich weiß schon, wie du bist. Und genau weil sie so leise ist, bin ich oft viel zu spät dabei, sie zu erkennen.
Der Moment, der mir das gezeigt hat, war eigentlich unscheinbar. Ich saß in einem Restaurant, wartete auf mein Essen, schaute ein wenig herum. Ein Mädchen fiel mir auf, laut und fordernd, so wie Kinder manchmal sind. Ich nahm es wahr und dachte nicht weiter darüber nach. Stunden später hörte ich ihrem Vater zu, der einen Vortrag hielt. Ein Mann, der vieles von dem ausstrahlte, was diese Welt gerne als erfolgreich bezeichnet. Gutaussehend, gebildet, klar in seiner Sprache, aus einem Umfeld, in dem alles, was er angeht, sofort funktioniert. Und in genau diesem Moment spürte ich eine Reaktion in mir. Nicht sichtbar nach außen, aber deutlich in mir drin.
Es war dieser kleine innere Stich, den man spürt, bevor man ihn versteht. Und noch bevor ich wirklich fühlen konnte, was berührt wurde, war mein Kopf schon damit beschäftigt, alles einzuordnen. So ein Mann würde mich niemals wahrnehmen. Er lebt in einer ganz anderen Welt. Seine Tochter ist bestimmt genauso. Ein Gedanke führte zum nächsten, und plötzlich hatte ich eine ganze Deutung in der Hand, die eigentlich nur eines tat. Sie lenkte mich von dem weg, was tief in mir angestoßen wurde.
Das war ein unangenehmer Moment, aber vor allem ein ehrlicher. Und genau in dieser Ehrlichkeit wurde etwas sichtbar, das ich lange nicht so klar gesehen habe. Ich merkte, dass immer dann, wenn ich mich innerlich kleiner fühle als jemand anderes, ein sehr schneller Reflex einsetzt. Etwas in mir stuft die andere Person innerlich ein Stück herunter, damit ich mich wieder stabiler fühle. Es passiert so leise und so schnell, dass es wie eine intuitive Beobachtung wirkt. In Wirklichkeit ist es ein Schutz, ein Versuch, innerlich wieder ein Gleichgewicht herzustellen, wenn etwas in mir berührt wurde.
Manchmal bekommt dieser Reflex sogar einen spirituellen Klang. Dann formt mein Kopf Gedanken wie: Ich sehe tiefer. Ich bin ehrlicher mit mir. Ich durchschaue das. Worte, die sich reif und reflektiert anhören. Aber am Ende bleibt es das gleiche Muster, nur eingepackt in eine ruhige und schöne Version davon.
Als ich das erkannte, tauchte zuerst etwas wie Scham auf, eine Wärme im Brustkorb. Und kurz danach eine Erleichterung. Ein Aufatmen. Denn sobald diese inneren Bewegungen sichtbar werden, verlieren sie ihre Schwere. Sie sind nicht mehr verborgen. Etwas in mir wird klarer und weicher.
Was mich in diesem Moment gehalten hat, war das einfache Üben. Das Atemzählen. Der Atem an den Nasenflügeln. Das sanfte Zurückkehren zu genau dem Punkt, an dem ich gerade bin. Es gab genug Stabilität, um zu sehen, wie mein Inneres reagiert, ohne von dieser Reaktion mitgerissen zu werden. Und gleichzeitig wurde mir bewusst, wie oft meine Gedanken einsetzen, bevor ich überhaupt fühlen kann, was mich wirklich trifft.
Diese Woche hat mich daran erinnert, dass Meditation ein Weg mit Kurven ist. Manchmal beruhigt sich der Atem nur so weit, dass etwas Tieferes überhaupt sichtbar werden kann. Und manchmal ist der größte Fortschritt nicht die Ruhe, sondern die Bereitschaft, ehrlich hinzuschauen. Genau da, wo wir sonst ausweichen würden. Dieses Hinsehen verändert etwas. Es macht weicher. Es macht weiter.
Reflexions Übung:
Vielleicht kennst du solche Momente. Eine Begegnung, ein Blick, ein Tonfall, und plötzlich bewegt sich etwas in dir. Wenn du magst, schenke diese Woche ein wenig Aufmerksamkeit genau diesen ersten Sekunden. Dem feinen Gefühl, das auftaucht, bevor der Kopf beginnt zu erklären. Nicht um es zu bewerten. Nur um es zu bemerken.
Herzlich
Sarah


Liebe Sarah, Deine Texte sind ganz wundervoll und haben mich sehr angesprochen. Vielen Dank für die Mühe und Zeit die Du hier investiert. Sehr lesenswert <3