Brahmacharya

Buch over Yama& Niyamas Deborah Adele

Ein kleiner Teil auf dem achtgliedrigen Pfad des Yoga

Neben unserer aktuellen Lektüre im Yoga Book Club lesen wir fortlaufend in dem Buch „Die Yamas und Niyamas“ von Deborah Adele. Diesen Monat stand das Kapitel über Brahmacharya im Mittelpunkt – ein Begriff, der sich mit Mäßigung oder Enthaltsamkeit übersetzen lässt. Doch was bedeutet das eigentlich, und wie lässt sich dieses Prinzip im modernen Alltag leben?

Der achtgliedrige Pfad

Wenn wir heute sagen: „Ich mache Yoga“, meinen wir meist die Praxis auf der Matte – die Körperhaltungen, die sogenannten Asanas. Doch Yoga ist viel mehr als körperliche Bewegung. Es ist ein umfassender Lebensweg, der Körper, Geist, Seele und alltägliches Handeln miteinander verbindet. Patanjali beschreibt im Raja Yoga – auch bekannt als Ashtanga Yoga – acht Glieder, die nach und nach zu innerer Klarheit führen und schließlich zu dem Zustand, den man Samadhi nennt: das Einssein mit allem, höchstes Bewusstsein. 

  • Yamas – Ethischen Grundregeln im Umgang mit der Umwelt
  • Niyamas – Ethischen Grundregeln bezogen auf dein Umgang mit dir Selbst
  • Asana – Körperhaltungen
  • Pranayama – Atemübungen
  • Pratyahara – Rückzug der Sinne
  • Dharana – Konzentration
  • Dhyana – Meditaion
  • Samadhi – höchste Glückseligkeit

Die beiden ersten Glieder dieses Weges, die Yamas und Niyamas, bilden die ethische Grundlage des Yoga. Sie sind wie eine innere Landkarte, die uns Orientierung im Umgang mit der Welt und mit uns selbst gibt. Yamas beschäftigen sich mit unseren Beziehungen zu anderen und zur Umwelt, Niyamas mit der Beziehung zu uns selbst. So kann Yoga dich durch dein gesamtes Leben begleiten. 

Yamas: 

  • Ahimsa – Gewaltlosigkeit
  • Satya – Wahrhaftigkeit
  • Asteya – Nicht-Stehlen
  • Brahmacharya – Mäßigung
  • Aparigraha – Nicht-Anhafen/Bescheidenheit

Niyamas: 

  • Saucha – Reinheit
  • Santosha – Zufriedenheit
  • Tapas – Disziplin
  • Svadyaya – Selbststudium
  • Ishvara Pranidhana – Hingabe zum Göttlichen

Brahmacharya

In dem heutigen Blogartikel möchte ich mich auf das vierte Yama konzentrieren, Brahmacharia. Besonders in alten indischen Texten wird das Yama oft als Zölibat verstanden, also sexueller Enthaltsamkeit. Doch in einer heutigen Auslegung, wie Deborah Adele sie beschreibt, geht es nicht um strikten Verzicht, sondern um ein gesundes Maß in allem. Brahmacharya ist eine Einladung, bewusst mit unserer Energie umzugehen und Balance zu finden zwischen „zu viel“ und „zu wenig“.

Allein Ahimsa, das Prinzip der Gewaltlosigkeit gibt bereits vor, nicht über die Stränge zu schlagen. Denn mit einem übermäßigen Konsum fügen wir unserer Umwelt schaden zu, indem Ressourcen nicht geachtet und Lebensräume von Mensch und Tier dadurch negativ beeinträchtigt werden.

Das Prinzip der Mäßigung lässt sich wunderbar im Alltag beobachten. Beim Essen zum Beispiel: Wenn wir zu wenig essen, bleibt ein Gefühl von Mangel; essen wir zu viel, fühlen wir uns träge oder überfüllt. Durch achtsames, langsames Essen spüren wir, wann genug wirklich genug ist. So wie beim Essen gilt auch in anderen Lebensbereichen, dass es nicht darum geht, uns schöne Dinge zu versagen. Es geht darum, Genuss bewusst zu erleben, ohne in Maßlosigkeit oder Abhängigkeit zu fallen. Brahmacharya bedeutet, unsere Lebensenergie zu achten und nicht zu verschwenden.

Deborah Adele schreibt dazu: „Übermäßiger Genuss erstickt die Lebenskraft genauso, wie zu viele Holzscheite im Kamin das Feuer zum Erlöschen bringen.“ Diese Metapher fasst das Wesen von Brahmacharya schön zusammen. Mäßigung ist kein Verlust, sondern eine Kunst des lebendigen Gleichgewichts. Erst wenn wir aufhören, ständig nach „mehr“ zu streben, öffnen wir uns für die Fülle des Augenblicks.

Ein Leben nach diesem Prinzip kann eine tiefe Verbundenheit entstehen lassen. Wenn wir erkennen, dass alles miteinander in Beziehung steht, fällt es leichter, allem mehr Wertschätzung entgegen zu bringen und Dingen mit mehr Akzeptanz zu begegnen. 

Bramacharya auf der Matte

Wenn wir in einer Yogastunde sind bedeutet Bramacharya immer wieder mit sich selbst einzuchecken, welche Intensität oder Variation einer Asana gerade angemessen ist für die eigene Verfassung. Es bedeutet ein gutes Gleichgewicht zu finden zwischen Aktivierung und Entspannung, Kräftigung und Dehnung, zwischen Herausforderung und Sicherheit. . Auf den eigenen körper zu hören und die PRaxis zu siener eigenen ganz individuelllen zu machen. Denn das ist mit eins der Obersten Ziele von Yoga: Balance in allen Lebensbereichen zu erhalten oder zu etablieren. Nur, wenn wir das richtige Maß finden kann nachhaltige Entwicklung entstehen. 

Ein Beispiel aus meinem Alltag: Beim Klettern habe ich erlebt, wie wichtig ein gesunder Umgang mit Angst ist. Nach einem Sturz bringt es wenig, sich direkt wieder zu überfordern. Genauso wenig hilft es aber, die Herausforderung komplett zu vermeiden. Stattdessen braucht es eine schrittweise Annäherung. Es braucht genug Sicherheit, um Vertrauen aufzubauen, und gleichzeitig genug Herausforderung, um zu wachsen.

Genau das ist Brahmacharya: die Fähigkeit, die eigene Komfortzone bewusst zu erweitern, ohne sich zu überfordern.

Brahmacharya im Alltag leben

Doch ein Großteil der Praxis findet abseits der Matte statt. Brahmacharya im Alltag zu leben bedeutet, achtsam mit der eigenen Energie umzugehen und zu erkennen, wann „genug“ erreicht ist.

Überlege dir also, was macht dich Lebendig. Frage dich am Ende eines Tages nicht, was du heute alles geschafft hast, sondern welche Momente bei dir ein Staunen, eine echte Wertschätzung hinterlassen haben. Wo kannst du das „Heilige“ im Alltäglichen erkennen? Bedeutet, wo kannst du dem Moment Wertschätzung entgegenbringen und die Verbindung zwischen allen Dingen wahrnehmen.

Das „echte“ Leben

Und gleichzeitig stellt sich eine ehrliche Frage: Brauchen wir nicht auch manchmal Extreme, um das Leben wirklich zu spüren?

Die Höhen und Tiefen gehören zum Menschsein dazu. Sie lassen uns wachsen, lassen uns Intensität erfahren und schaffen Kontraste, durch die wir das Gleichgewicht überhaupt erst wahrnehmen können.

Ein ähnliches Prinzip kennen wir aus der Arbeit mit dem Nervensystem: Ein reguliertes Nervensystem ist nicht eines, das ständig ruhig ist. Sondern eines, das flexibel auf Stress reagieren und sich wieder regulieren kann. Auch Stress ist – im richtigen Maß – nicht schädlich, sondern sogar notwendig für Entwicklung. Vielleicht geht es also gar nicht darum, Extreme komplett zu vermeiden, sondern darum, bewusst mit ihnen umzugehen. Sie zu erleben, ohne sich in ihnen zu verlieren.

Einladung zum Yoga Book Club

Wenn du mehr über die Yamas und Niyamas erfahren möchtest und dich in Person über yogaphilosophische Themen austauschen möchtest bist du herzlich willkommen im Yoga Book Club. Das nächste Treffen findet am 13. Juni statt. Alle aktuellen Infos zum Yoga Book Club findest du in unserem Whatsapp-Kanal. Mehr Gedanken über Yoga teile ich auf Instagram oder in meinen Yogastunden.